Visitenkarten – Altmodisch?

Klar, es gibt E-Mails, Facebook und andere soziale Netzwerke. Trotzdem gehört es nach wie vor zum guten Ton, die kleinen Kärtchen auszutauschen. Über den Türöffner aus Papier.

Ein kleiner und dazu noch analoger Widerstandskämpfer weigert sich seit Jahren erfolgreich, die digitale Arbeitswelt zu verlassen: die Visitenkarte. Trotz Skype, Twitter, Facebook oder Xing – Programme also, die das Vernetzen und Kommunizieren mit internationalen Geschäftspartnern so einfach wie noch nie machen, gibt es sie immer noch. Und wenn sich selbst Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Mühe macht, seine Botschaft an die Geschäftswelt („I’m CEO, Bitch“) auf ein 85 x 55Millimeter großes Papier zu drucken, muss die Karte eine Bedeutung haben. Oder etwa nicht? Aber welche?

Zur gesellschaftlichen Vernetzung wird die Visitenkarte in Europa schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts verwendet. Die Sprach- und Medienwissenschaftlerin Annett Holzheid beschreibt sie in ihrer Studie „Das Medium Postkarte“ als zentrales Medium innerhalb der Besuchskultur. Man gab vor einem Anstandsbesuch erst einmal höflich-distanziert die so genannte „Besucherkarte“ ab und ermöglichte dem Gastgeber so, sich auf das Treffen vorzubereiten oder kurzfristig eine mehrere Wochen andauernde Reise anzutreten.

So ähnlich wird die Visitenkarte laut Business-Coach Horst Hanisch noch immer verwendet: „Treffe ich unterwegs einen neuen Geschäftskontakt, wird die Visitenkarte möglichst früh im Gespräch – zumeist schon als Einstieg ins Gespräch – überreicht. So sieht mein Gesprächspartner sofort, wer bin ich und welche Position habe ich. Er kann mich so deutlich zuordnen.“ Aber hätte höfliches Nachfragen nicht den gleichen Effekt? „Nein, denn Nachfragen schränkt die Vertraulichkeit ein“, so Hanisch. „Außerdem sieht mein Gegenüber direkt, wie mein Name geschrieben wird und kann ihn sich besser merken.“ Und das ist – der Geschäftsmann weiß wovon ich rede – sehr häufig sehr wichtig bei komplizierten Namen, ausländischen Gesprächspartnern oder gar wenn eine Vielzahl an Personen an einem Treffen teilnehmen

Die Visitenkarte ist gewissermaßen der Türöffner, der erste Eindruck im Papierformat, bevor es zum Networking kommen kann. Entscheidend ist, dass die Karte als solche schon einen Wert an sich ausdrückt, denn haptische Gegenstände schätzt man instinktiv mehr. Außerdem ist der „Wohlfühlfaktor“ beim Lesen auf Papier laut einer Studie der Uni Mainz deutlich höher als beim Lesen auf dem Bildschirm.

Einen besonderen Stellenwert hat die Visitenkarte im asiatischen Raum, speziell bei japanischen Geschäftsleuten. Wenn das Gegenüber die Karte nach Erhalt nicht eingehend betrachtet, fühlen sich viele Japaner gekränkt. Und in abgeschwächter Form lässt sich das sicher auch in der westlichen Geschäftswelt finden. Schließlich gibt der Kartengeber ein Stück Ego preis, das er gewürdigt sehen will. Der sadistische Börsenmakler Partrick Bateman im Thriller „American Psycho“ begeht seinen ersten Mord, nachdem sein Kollege ihn mit einer schickeren Visitenkarte übertrumpft hat.

Und wie sieht Ihre Visitenkarte aus?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.