Einfach kompliziert oder einfach einfach

In unserer komplexen Welt fordern wir Vereinfachung. Dabei ist Vereinfachung in keinem Bereich des Lebens ein Qualitätsmerkmal. Einfachheit hat keinen Wert. Niemand wird für ein einfaches Produkt mehr bezahlen, sondern eher weniger! Aber warum sehnen wir uns so sehr nach Einfachheit?

Was ist überhaupt Einfachheit?

Einfachheit folgt dem Prinzip des Bildhauers: Am Anfang steht eine klare Idee, dann nimmt er einen geeigneten Steinblock und beginnt zu meißeln. Erst wenn der Künstler von diesem Stein alles entfernt hat, was nicht zu seiner Idee gehört, ist Einfachheit erreicht. Will er statt einer Figur ein abstraktes Gebilde erschaffen, wird er andere Bereiche am Stein entfernen, bis er präzise seine abstrakte Figur erkennt. Wenn er jetzt seine Idee dreidimensional aus Stein vor sich hat, ist Einfachheit erreicht. Hat er auch nur einen Kubikzentimeter nicht entfernt, ist die Figur unfertig. Der Bildhauer oder Steinmetz muss also vor dem Meißeln ganz genau wissen,was er nicht braucht und was er entfernen muss.

Die Langeweile der Einfachheit

Eine einfache Produktästhetik kann sehr ansprechend sein. Oder auch extrem langweilig, ohne Anziehungskraft und Emotion. Beide Fahrzeuge, der Porsche 911 und der VW Phaeton, sind im Styling einfach. Der eine weckt tiefe Emotionen, der andere gähnt vor Langeweile. Die pure Einfachheit ist auch in der Ästhetik kein Qualitätsmerkmal.

Die Kunst des Weglassens

Einfachheit ist immer ein Geheimnis. Sie liegt nicht offensichtlich vor uns. Sie will gefunden werden, denn Einfachheit ist sehr individuell und verschieden. Jedes Thema, jedes Projekt und jede Aufgabe hat aus unterschiedlichen Perspektiven jeweils eine andere Einfachheit. Für den Entwicklungsingenieur ist eine Fernbedienung für ein Audiosystem einfach, weil er sie entwickelt hat und daher zutiefst versteht. Als Anwender haben wir eine andere Perspektive auf dasselbe Gerät. Für einen 2-jährigen ist die Fernbedienung dagegen wieder sehr einfach, denn für ihn ist nur die ON-Taste relevant und die hat er sich durch scharfe Beobachtung, wie es der Papa macht, eingeprägt.

Die Einfachheit für den Anwender

Im Vereinfachungsprozess spielt auch der Anwender eine tragende Rolle. Es ist wichtig, genauestens zu wissen, wer der Anwender ist, und wie er das Produkt in der Praxis anwendet. Dazu ist eine intensive und vielfältige Recherche unumgänglich. Daraus ergibt sich eine Vielzahl von Beobachtungen und Informationen, die anschließend in einer konsequenten Bewertungsphase eingeordnet werden. Erst im nächsten Schritt, wenn eine klare Vorstellung, ein konkretes Zielbild vorliegt, wie dem Anwender eine optimale Lösung angeboten werden kann, ist es möglich, mit der Arbeit am Projekt zu beginnen. Durch diese individuelle Justierung und Priorisierung entsteht der Nutzen der Einfachheit.

Der Streit um den Verzicht

Erfolgreiche Vereinfachungsprozesse sind immer sehr anstrengend. An den intensiven Diskussionen kann man erkennen, ob man auf dem richtigen Weg ist. Wenn Einfachheit einfach geht, dann ist das in jedem Fall ein Alarmzeichen.

Einfach genial

Was ist daran so schwierig gewesen? Warum haben sie so lange dazu gebraucht? Diese Idee hatte ich schon vor Jahren unter der Dusche! Das erinnert mich an ein simples Vorkriegsmodell. Das alles sind Aussagen die mir zeigen, dass man den Job sehr, sehr gut gemacht haben. Denn der steinige Weg von der Komplexität zur individuellen Vereinfachung darf einem nahe liegenden Ergebnis nicht mehr anzusehen sein.

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