Freundschaften am Arbeitsplatz – schädlich oder nützlich?

Konkurrenzdenken im Job dient der Karriere, heisst es oft. Freundschaften am Arbeitsplatz sollten vermieden werden, schrieb Angelika Slavik kürzlich in der Süddeutschen Zeitung. Denn diese schaden allen Beteiligten so ihre These. Notwendig sei vielmehr eine klare Trennung zwischen Job und Privatleben. Im Job gehe es darum, die Arbeit möglichst erfolgreich zu erledigen, und dafür brauche es oft auch Reibung. Zu dieser komme es nicht, wenn sich die Arbeitskollegen als Freunde (sogenannte Frollegen) verstehen. Konkurrenzdenken sei notwendig, um über die bestmögliche Lösung zu streiten. Dieser Prozess sei gut für die eigene Karriere, den Arbeitgeber und die Wirtschaft.

Ich frage mich, ob sie recht hat.

Rivalität schadet

Kürzlich lud der Chef alle Mitarbeitenden zu einem Grillfest bei sich zuhause ein. Ginge es nach Slavik, müsste man solche Anlässe wohl unterlassen, denn förderlich für das Konkurrenzdenken sind sie ja nicht gerade. Aber weshalb die Arbeitsleistung unter einem freundschaftlichen Arbeitsklima leiden sollte, kann ich mir nicht vorstellen. Braucht es wirklich Rivalität, um im Job besser zu performen?

Eigenschaften, die ich mit einer guten Arbeitsleistung in Verbindung bringe, sind: selbstständiges Arbeiten, Mitdenken, Produktivität, Hilfsbereitschaft oder Durchhaltewillen. Ich frage mich, wie ich diese Ideale erreichen will in einem Umfeld, das von Konkurrenzdenken geprägt ist. Wie soll ich jemanden um Hilfe bitten, wenn ich alles alleine schaffen sollte? Weshalb Fehler zugeben, wenn dies als Schwäche ausgelegt werden könnte? Warum gute Ideen teilen, wenn diese von Arbeitskollegen geklaut werden könnten? Vor allem aber frage ich mich, wie ich es an einem solchen Arbeitsplatz länger als ein paar Monate aushalten würde.

Bestleistung dank den anderen

Mit meinen Arbeitskollegen verbringe ich täglich acht Stunden – mehr Zeit als mit den meisten Menschen in meinem Umfeld. Deshalb möchte ich die Leute kennen, mit denen ich zusammen arbeite. Ich will wissen, wie es ihnen geht, wohin sie in den Urlaub fahren und welche Musik sie mögen. Das ist doch allemal spannender als jede Pause über das Wetter zu philosophieren. Wenn ich Motivationsschwierigkeiten habe, möchte ich meinen Frust auch mal in der Arbeit rauslassen können, und wenn mir eine guter Deal gelungen ist, mit meinen Arbeitskollegen darauf anstossen können.

Und das alles soll schaden? Ist es nicht eher umgekehrt? Ich selbst arbeite in einem freundschaftlichen Arbeitsumfeld lieber, bin motivierter und bleibe länger. Ich streite sogar lieber um die bestmögliche Lösung, wenn ich mich mit meinen Arbeitskollegen gut verstehe. Denn ich habe eher den Mut mitzudenken, Kritik zu üben und anzunehmen. Dies kommt auch der Arbeitsqualität zugute: Ich arbeite besser dank den Rückmeldungen, den Ratschlägen und der Hilfe anderer. Im besten Fall werden die Arbeitskollegen zu Freunden. Und wenn nicht, gehe ich immerhin gerne arbeiten.

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